Grundlagen
Weniger ist lauter: Drone, Minimal Music und das Weglassen
Ein Ton, der minutenlang liegt, ein Muster, das sich kaum verändert: Für viele ist das erst einmal Langeweile. Wer sich darauf einlässt, entdeckt, dass gerade im Weglassen sehr viel passiert.
Ein Ton, der bleibt
Ein Drone ist ein lang gehaltener oder ständig wiederkehrender Ton, oft mit einer Handvoll Obertönen darum herum. Bordun-Instrumente gibt es in vielen Musikkulturen seit Jahrhunderten, der Dudelsack ist ein bekanntes Beispiel. In der Neuen Musik und Klangkunst wurde die Dauer selbst zum Thema. La Monte Young arbeitete ab den sechziger Jahren mit lang gehaltenen Tönen und ihren Beziehungen zueinander, Pauline Oliveros mit tiefem, aufmerksamem Zuhören, und Éliane Radigue formte über Jahrzehnte extrem langsame elektronische Klangverläufe.
Die Musik ändert sich nicht wenig, sie ändert sich langsam. Das verschiebt die Aufgabe: Du wartest nicht auf das nächste Ereignis, du hörst in das hinein, was da ist.
Wiederholung als Werkzeug
Die zweite Spur ist die Minimal Music. Terry Rileys „In C“ von 1964 besteht aus 53 kurzen Figuren, die jeder Spieler in seinem Tempo wiederholt, bevor er zur nächsten weitergeht. Steve Reich erforschte etwa zur selben Zeit, was geschieht, wenn zwei gleiche Muster minimal auseinanderlaufen. Bei solcher Musik entstehen Rhythmen und Melodien, die niemand gespielt hat, sondern die erst im Zusammenklang hörbar werden.
Das ist der Kern beider Richtungen: Wenn wenig geschieht, wird das Kleine gross. Ein leichtes Kippen der Betonung, ein zusätzlicher Oberton, ein Knacken im Raum. Weniger Material bedeutet mehr Aufmerksamkeit pro Detail. Deshalb der Titel dieses Textes.
So näherst du dich einem Drone-Stück
Drone hört man nicht wie einen Popsong, und wer es trotzdem versucht, langweilt sich. Eine bewährte Reihenfolge:
- Zeit einplanen. Zwanzig Minuten am Stück sind ein guter Anfang. Handy in ein anderes Zimmer, Licht gedimmt.
- Nicht kontrollieren. Du musst nichts „verstehen“. Lass den Klang kommen und beobachte, was in dir passiert: Wo wird es unruhig, wo weit?
- Eine Frage stellen. Halte nach einer einzigen Sache Ausschau, etwa einer Schwebung (das langsame An- und Abschwellen, wenn zwei fast gleiche Töne zusammenklingen) oder einem Oberton, der aus dem Klangbild aufsteigt.
- Den Kopf bewegen. In einem Raum ändert sich der Klang schon, wenn du zwanzig Zentimeter zur Seite rückst. Stehende Wellen machen aus derselben Musik an jedem Platz eine andere.
- Nachspüren. Wenn das Stück endet, bleib sitzen. Die Stille danach klingt anders als die davor.
Was du dabei beobachten kannst
Bei langen Klangflächen passieren Dinge, die im Alltag untergehen. Dein Gehör beginnt, selbst Töne zu erzeugen, sogenannte Differenztöne, die im Ohr entstehen, wenn zwei kräftige Töne zusammenklingen. Der Klang wandert scheinbar durch den Raum, obwohl die Quelle stillsteht. Und manchmal glaubst du, ein Instrument zu hören, das gar nicht mitspielt.
Halte solche Beobachtungen fest, ohne sie zu erklären. Ein kurzer Satz genügt: „Nach etwa zehn Minuten wirkt der Ton heller.“ Mit der Zeit erkennst du Muster in deiner eigenen Wahrnehmung, und genau darin liegt ein Grossteil des Reizes dieser Musik.
Lautstärke und Raum
Drone braucht nicht laut zu sein, aber es profitiert von einem Pegel, bei dem tiefe Frequenzen im Raum spürbar werden, ohne dass du zusammenzuckst. Ein Zeichen, dass es passt: Du kannst dich noch mit normaler Stimme unterhalten, und das Stück klingt trotzdem präsent. Sehr leise gehört es sich eher wie ein Hintergrund, sehr laut ermüdet es das Gehör, und das ist keine Erfahrung, die sich lohnt.
Dabei spielt dein Zimmer mit. Tiefe Töne regen Raummoden an, das heisst, an manchen Stellen dröhnt es, an anderen ist fast nichts zu hören. Wie du das erkennst und mildern kannst, erklärt der Text über Raumakustik im Wohnzimmer. Wer mit mehreren Lautsprechern hört, findet Anregungen unter Mehrkanal-Audio zu Hause, denn ausgedehnte Klangflächen entfalten sich rundherum besonders schön.
Wo Minimal Music anders funktioniert
Bei Wiederholungsmusik lohnt eine andere Haltung als beim Drone. Hier hilft es, das Muster zuerst zu lernen und dann auf die Abweichungen zu horchen.
- Klopfe den Grundpuls mit dem Finger mit, bis du sicher bist.
- Hör auf Stellen, an denen sich zwei Stimmen kurz zu decken scheinen.
- Achte darauf, was sich einstellt, wenn du aufhörst zu zählen: Oft erscheinen Melodien, die niemand gespielt hat.
- Vergleiche eine Aufführung mit mehreren Musikerinnen und Musikern mit einer, die du zu Hause hörst. Das Live-Erlebnis hat eine körperliche Präsenz, die kaum zu ersetzen ist.
Eine kleine Hörreise
Wenn du gern einen Fahrplan hast, gliedere eine Woche in drei Abende. Am ersten hörst du ein langes Stück mit einem einzigen Klangzentrum, am zweiten ein Stück mit wiederholten Figuren, am dritten beides nacheinander. Notiere nach jedem Abend, ob dein Körper ruhiger oder unruhiger geworden ist und ob du die Zeit als kurz oder lang empfunden hast. Meist erlebst du beim Drone eine Dehnung der Zeit, bei der Wiederholungsmusik eher ein Kreisen. Dieser Unterschied ist der beste Schlüssel, um für dich zu entscheiden, welche Richtung dir näher liegt.
Wenn es nicht gelingt
Es kann sein, dass dir ein Stück gar nichts gibt. Das ist in Ordnung. Drone und Minimal Music sind nicht besser als andere Musik, sie verlangen nur eine andere Art von Zeit. Probiere es mit einem Ort, an dem du sonst nie Musik hörst: im Zug, bei einem Spaziergang, mit geschlossenen Augen im Sessel. Und lass dir Zeit; oft entscheidet die dritte oder vierte Begegnung.
Wer wissen möchte, wie solche Arbeiten in Ausstellungen auftreten, findet eine erste Orientierung im Text Was ist Klangkunst?. Und dann bleibt, was am Anfang stand: ein einzelner Ton, der bleibt, und du, der zuhört.